Volkskunst
Mit der zunehmenden Industrialisierung verschwanden Ende des 19. Jahrhunderts viele traditionelle Formen der Volkskultur aus dem selbstverständlichen Lebensalltag der Menschen. Zu gleicher Zeit wurde vor allem von Kunsthistorikern und Künstlern das Thema Volkskunst entdeckt. Gemeint ist das bildnerische und kreative Schaffen jenseits der klassischen Künste, meist eingebunden in traditionelle handwerkliche oder häusliche Fertigung.

Meerfräulein: Hans Capon, 1659, Sgraffitodekoration, Tschiers GR
Versuch einer Definition
Die Kunst, die wir "Volkskunst" nennen, kann a priori nur dadurch definiert werden, dass man sie der "hohen" Kunst (bildende Kunst) gegenüber abgrenzt und sie in Gegensatz zu jener weltweit anerkannten, katalogisierten, von namentlich bekannten Künstlern und Künstlerinnen getragenen Kunst setzt. Volkskunst ist, so besehen, meist anonym und ihres Selbstwertes nicht bewusst. Die Volkskunst ist vorwiegend auf dem Lande beheimatet, wenn sie auch in städtischen Gebieten anzutreffen ist. Das Alphirtenleben hat ihr ihre erste Gestalt gegeben, doch ihre Wurzeln gehen weit zurück in die Vorgeschichte.
Volkskunst im üblichen Sinn meint handwerkliche Erzeugnisse mittlerer und unterer sozialer Schichten, die von nicht qualifizierten Laien für den Eigengebrauch oder von spezialisierten Laien und gelernten Fachleuten vom 16. bis zur Mitte des 19. Jh., mit einer Blütezeit im 18. Jh., hergestellt wurden. Die Grenzen zwischen Volkskunst und Kunsthandwerk sind somit fliessend. In der Regel sind die Erzeugnisse der Volkskunst über die Gebrauchsfunktion hinaus in einer Art künstlerisch gestaltet, die der Produktionsweise und den jeweiligen sozioökonomischen Bedingungen entspricht, der Tradition und den kollektiven Bedürfnissen verpflichtet ist.

Scherenschnitt von Johann Jakob Hauswirth, 1808-1871
Abgrenzung
Die Volkskunst ist erst seit Beginn des 20. Jahrhunderts Gegenstand kunstwissenschaftlichen Interesses. Vorher wurde sie eher abschätzig betrachtet. Sie ist nicht identisch mit der Laienkunst, die sich an den offiziellen Epochenströmungen orientiert, auch nicht mit der Trivialkunst, deren Produkte serienmässig industriell erzeugt werden und letztendlich in Kitsch münden.
Identität
Die Volkskunst ist im Gegensatz zur sog. hohen Kunst nicht zweckfrei ästhetisch motiviert, sondern hat ihre Wurzeln einerseits in Brauchtum und Religion, andererseits werden ihre Ausformungen bestimmt vom Zweck des künstlerisch gestalteten Gegenstandes.

Porträt eines Appenzellers: Gemälde von Verena Broger, 1969
Landschaften
Die Erzeugnisse der Volkskunst unterscheiden sich stark je nach Region, bisweilen sogar je nach dörflicher oder kleinstädtischer Herkunft. Gemäss der geografischen und kulturellen Vielfalt unseres Landes kann nicht von einer einheitlichen Schweizer Volkskunst gesprochen werden, vielmehr haben die historischen Bedingungen zu unterschiedlichen Volkskunstlandschaften geführt. Besonders hervorzuheben sind die beiden "Hirtenregionen" Appenzell und Greyerz mit ihrer Volkskunst rund um die Milchwirtschaft, wie Trachten und Trachtenschmuck, hölzernes und reich geschnitztes Milchgeschirr, Senntum- bzw. Poya-Malerei (Darstellungen des Alpaufzugs).
Gliederung
Gegliedert wird die Volkskunst meist nach
Objektgruppen - z.B.
- ländliche Architektur
- Bauernmöbel
- Trachten
Werkstoffen - z.B.
- Keramik
- Glas
- Textilien
Techniken - z.B.
- Scherenschnitt
- Ziselierung
- Schnitzerei
Berufsgruppen, Intentionen, z.B. religiösen Aspekten (Taufe, Hochzeit) und Bräuchen (Fasnacht), wobei Überschneidungen entstehen.
Quellen: Historisches Lexikon der Schweiz; Nicolas Bouvier, Ars Helvetica


























