Vokale Traditionen
umfassen sowohl nichtstrophische Gesänge wie Betruf (Alpsegen), Juchzer, Jodel, Kuhreihen, Viehlöckler und Hirtenrufe als auch strophisch gegliederte geistliche und religiöse Gesänge, Brauchtums- und Standeslieder, Berufs- und Arbeitslieder sowie Heimat- und Jodellieder. Sie sind in der Regel als Dialektlied an die sprachlich-kulturelle Ortsgemeinschaft und Identität gebunden und leben vom Prozess des Umsingens sowie vom Symbolgehalt emotionaler und kultureller Wertvorstellungen.
Das Volkslied
Im Röseligarte
Schweizerische Volkslieder Herausgegeben von Otto von Greyerz, Bern bei A. Francke 1910, mit Buchschmuck von Rudolf Münger
Historisch-politische Gesänge (Schlachtenlieder, Flugblatt- und Historienlieder, Schweizer- und Heldenlieder) sind vorwiegend schriftlich überliefert. Eigentliche Volkslieder, die in mündlicher Überlieferung in den Familien oder in spontanen Gruppen, insbesondere aber in der Schule sowie in organisierten Vereinen gesungen werden, wurden in der "Sammlung von Schweizer Kühreihen und Volksliedern" bereits im frühen 19. Jahrhundert in vier jeweils erweiterten Auflagen abgedruckt. Diese bedeutende Sammlung erschien von allem Anfang an (1805) auch mit Melodien und schaffte die Basis für die Chorgemeinschaften des 19. Jahrhunderts (Gründung des Eidgenössischen Sängervereins, 1843), für die Rückbesinnung aufs einstimmige Volkslied durch die Sammlung "Im Röseligarte" (1907-1925, herausgegeben von Otto von Greyerz) und für die Erneuerung des Volksliedes in der Folk-Bewegung der 70er Jahre, lieferte aber auch ihren Beitrag an die europäische Musikgeschichte. Einige jener traditionellen oder neu geschaffenen Kuhreihen und Volkslieder wurden durch Franz Liszt, Joachim Raff, Theobald Boehm und andere Komponisten in Klavier-Paraphrasen verarbeitet.
Hörbeispiel
"echo"
Das Projekt von Doppelbock mit den Stimmen von: Christine Lauterburg, Corin Curschellas und Walter Lietha.
1. Luegid, vo Beerge und Tal, flieht scho der Sunnestrahl,
luegid uf Aue und Matte, wachse die tunkele Schatte,
d Sunn uf de Beerge no stoht, oh! wie sind d Gletscher so root.
2. Lueget do aben a See! Heimetzue wendet si s Veh;
loset, wie d Glogge, die schöne, fründlig im Moos is ertöne.
Chüjerglüt, üseri Lust, tuet is so wohl i der Brust.
3. Still a de Berge wirds Nacht, aber de Herrgott de wacht.
Gseht er sälb Sternli dört schiine? Sternli wie bisch du so friine!
Gseht er am Nebel dürt stohts! Sternli, Gott grüess di, wie gohts?
4. Loset, es seit is: "Gar guet. Het is nit Gott i der Huet?
Frili, der Vater vo alle, loht is gwüss währli nit falle.
Vater im Himmel, dä wacht." Sternli, liebs Sternli, guet Nacht!
Melodie: Ferdinand Huber. Text: Josef Anton Henne
Das Jodellied
Grosse Popularität
780 Jodlergruppen pflegen in der Schweiz das klassische Jodellied.
Neben den in allen Landessprachen überlieferten Volksliedern, die im Schweizerischen Volksliederarchiv in Basel (gegründet 1906) gesammelt und zum grossen Teil durch die Schweizerische Gesellschaft für Volkskunde herausgegeben worden sind, gilt das sogenannte Jodellied als Spezialität der deutschsprachigen Schweiz. Es lässt sich als volkstümliches, durch syllabische Jodelrefrains gegliedertes Strophenlied charakterisieren. Das Jodelllied wurde im frühen 19. Jahrhundert als Kunstlied im Volkston geschaffen, wie zum Beispiel "Der Ustig wott cho" von Gottlieb Jakob Kuhn und Ferdinand Fürchtegott Huber.
Das Jodellied zerfällt in der Regel in den Lied- und Jodelteil. Dies trifft sowohl beim Chorlied als auch beim Solo- und Duettlied zu. Dem Liedteil liegt eine zwei-, drei- oder mehrteilige, dem Jodel meist eine zweiteilige Form zugrunde. Die Chorlieder sind durchwegs vierstimmig gesetzt, der Jodelpart fünf- bis sechsstimmig. Die auf Dur-Harmonie aufgebauten Melodien finden gelegentlich auch Ausweitungen nach den Moll-Harmonien der zweiten oder sechsten Stufe. Die Jodellieder sind grundtönig, die Harmonie baut auf die I., IV. und V. Stufe auf mit Übergängen zu den Tonarten der Dominante und Subdominante. Die Melodien zeichnen sich meist aus durch einfache Thematik, jedoch mit viel lyrischer und dramatischer Ausdruckskraft. Rhythmisch sind sie einer bestimmten Metrik verhaftet und dem Volksempfinden angepasst. Die Stimmenführung ist natürlich, einprägsam. In vielen Liedern wird die schlichte Homophonie durch thematische Gegenüberstellungen und Versetzungen aufgelockert. Neben schlichten, einfachen Kompositionen gibt es zahlreiche Liedschöpfungen, die dank des Harmoniereichtums, der Themenentwicklung und der Satzkunst unbestreitbar eine bedeutende Rangstufe im Sektor des romantischen Chorliedes einnehmen.
Hörbeispiel
Jodlerchörli Utzenstorf
Das Jodlerchörli Utzenstorf wurde am 26. April 1943 gegründet. Den Ausschlag für die Gründung gab, mitten in den Kriegsjahren, die Liebe zur Heimat, der Wunsch nach Geborgenheit in der Kameradschaft, das einfache Liedgut und die Pflege von Traditionen.
Der Naturjodel
Naturjodel
gehören zu den schönsten Formen schweizerischer Vokalmusik
Im Unterschied zum Jodellied, einer Kreation des 19. Jahrhunderts, dürfte der Naturjodel, eine mehrstimmige Improvisation auf blosse Silben, aus überlieferten Jauchzern gewachsen sein. Im Appenzellerland lassen sich diese Naturjodel (Zäuerli, Ruggusserli) in Gaststätten an Sonntagen und bei ländlichen Festen im Freien, aber auch bei touristischen Veranstaltungen, dann zur Begleitung von Schellenschütteln und Talerschwingen, und hinter Masken verzerrt besonders archaisch wirkend am alten Silvester (13. Januar) in Urnäsch/AR hören. Diese Naturjodel, die auch im Greyerzerland überliefert sind, gehören zu den schönsten Formen schweizerischer Vokalmusik.
Hörbeispiel
Schötze-Chörli, Stein AR:
Das Schötzechörli Stein AR unter der heutigen Leitung von Regula Bieri ging vor bald 40 Jahren aus einigen Schützen hervor, die nach einem Schützenfest nicht ins Schwarze trafen. Nach Appenzellerart setzten sie sich an einen Wirtshaustisch und stimmten zum Trost ein Zäuerli an. Ein witziger Gast meinte: "Ihr würet au gschiider singe statt schüsse." Das ist die Gründungsgeschichte dieses rund 20 Männer umfassenden, viel gerühmten Jodelchores.
Der Kuhreihen
"Armaillis"
Freiburger Hirten führen ihre Kühe zum Umzug des Winzerfestes in Vevey.
Der Kuhreihen (Ranz de vaches), das ursprüngliche Eintreibelied der Alphirten, wurde bereits im frühen 16. Jahrhundert erwähnt und 1545 in den von Georg Rhau herausgegebenen Bicinien in einer zweistimmigen Instrumentalversion notiert. Legendäre Bedeutung erlangte dieser einstimmige, unbegleitete Männergesang im 18. Jahrhundert durch Jean Jacques Rousseaus Behauptung, es sei unter Todesstrafe verboten, in der Nähe von Schweizer Sodaten im Ausland einen Kuhreihen anzustimmen, weil die Heimwehschweizer zu desertieren versuchten oder erkrankten (Dictionnaire de la musique, 1768). Aus diesem Grund wurde der Kuhreihen im 19. Jahrhundert immer mehr zum Vorführstück für Touristen. Heute lebt dieses vormals in ganz Europa berühmte schweizerische Locklied der schweizerischen Alphirten nur noch als Volkslied arrangiert weiter. Der "Ranz de vaches gruérien" von Joseph Bovet hat aber ebenso wie dessen "Le vieux chalet" die Bedeutung von Heimat, ja, für die Westschweizer gelten diese beiden Volkslieder als Nationalhymne.
Hörbeispiel
Der Betruf
Unter den Begriffen Bättruef (Betruf), Alpsäge (Alpsegen) und, seltener, Ave Maria, versteht man ein altes Sennengebet, das in katholischen Alpengebieten vor allem der deutschsprachigen Schweiz während des Alpsommers noch heute jeden Abend nach der Arbeit erklingt.
Der Alpen-Segen ("Betruf")
Ein Obwaldner Älpler, der den Betruf durch die "Folle"(Milchtrichter) rezitiert. Originalzeichnung des religiösen und weltlichen Historien-Malers Joseph Balmer, ca. 1862. aus Schweizerisches Kunstalbum (1862). Bildnachweis: Schweizerische Landesbibliothek, Bern.
Ein Älpler ruft den einstimmigen, unbegleiteten Sprechgesang in einem mundartlich gefärbten Hochdeutsch durch die trichterartig vor den Mund gehaltenen Hände oder durch einen hölzernen Milchtrichter. In diesem Sprechgesang ruft der Senn nach allen vier Himmelsrichtungen die Jungfrau Maria und Heilige, die den Hirten gewogen sind, wie zum Beispiel St. Wendelin, an und bittet um Schutz für alle Lebewesen auf der Alp. Der Alpsegen lässt sich nur während des Alpsommers in den erwähnten Gebieten, nie aber bei touristischen Veranstaltungen oder Konzerten hören. Er dürfte sich aus diesem Grund in den letzten vierhundert Jahren kaum verändert haben.
Hörbeispiel
Alter Gebetsruf, den man heute noch so hören kann:
Ho-ho-ho-oe-ho-ho-oe-ho-ho.
Ho-Lobe-ho-Lobe, nemmet all tritt in Gottes namen Lobe:
ho-Lobe nemmet all tritt in unser Lieben Frauen namen Lobe:
Jesus! Jesus! Jesus Christus,
Ave Maria, Ave Maria, Ave Maria.
Ach Lieber Herr Jesus Christ,
behut Gott allen Leib, Seel, Ehr, und Gut,
was in die Alp gehoeren thut.
Es walt Gott und unsere herz liebe Frauw;
Es walt Gott, und der heilig Sant Wendel;
Es walt Gott, und der heilig Sant Antonj;
Es walt Gott, und der heilig Sant Loy.
Ho-Lobe nemmet all Tritt in Gottes Namen Lobe
Quelle: Kornhaus Burgdorf, 1991-2005
