Das Trachtenwesen

Stich von alten Schweizer Trachten: Oberhassli , Luzern, Unterwalden, Bern und Basel
Unter Tracht wird allgemein die regionalspezifische, der permanenten Veränderung bewusst entzogene, festliche Kleidung der ländlichen Bevölkerung verstanden. Trachten entstanden im 18. Jh. als Ausdruck des gestiegenen ländlichen Regional- und Standesbewusstseins. Im Lauf des 19. Jh. wurden sie zugunsten städtischer Kleidung mehrheitlich wieder aufgegeben. Erst Ende des 19. Jh. entwickelte sich die Tracht zum Zeichen der heimatlichen Gesinnung, dem sog. "Kleid der Heimat". Daneben existieren bis in die Gegenwart zeitweise auch Berufs-, Arbeits-, Standes- und Nationaltrachten.
Patriotische Antiquitäten
In der zeitgenöss. Grafik fand im 19. Jh. eine formale Reduktion und Emblematisierung statt, die mit den politischen Umwälzungen zwischen 1798 und 1815 und der Verwertbarkeit dieser Darstellungen für Reiseandenken zusammenhing. Jedem Kanton wurde ein Trachtenpaar zugewiesen. Ab der 1. Hälfte des 19. Jh. traten 22 Paare in Trachtenkostümen als Umzugssujets an der Fasnacht, an Festen und Jubiläen auf. Mit Trachten bekleidete Menschen bevölkerten 1896 das Village suisse an der Landesausstellung in Genf. Im gleichen Jahr veranstaltete der Lesezirkel Hottingen in Zürich das erste Trachtenfest. Das Interesse hatte sich wieder den historischen Originalen - als patriotische Antiquitäten - zugewandt. Zur Eröffnung des Schweiz. Landesmuseums wurde 1898 nach den alten Vorbildern ein Trachtenumzug organisiert. Die Objekte gingen in die Sammlung des Museums über. Dass Trachten überhaupt als historische Zeugnisse ernst genommen wurden, war das Verdienst der Forscherin Julie Heierli, die die Trachtensammlung des Landesmuseums mitbegründete.
Lokale und regionale Differenzierungen
1906 konstituierte sich der Schweiz. Heimatschutz mit verschiedenen kant. Sektionen. Zögerlich kam in ihnen auch die Frage der Pflege und Erneuerung der Trachten auf, am nachhaltigsten im Kanton Bern im Zusammenhang mit der Landesausstellung von 1914. Patriotiotische Aktivitäten, in deren Mittelpunkt die Trachten standen, vereinigten in den Kriegsjahren auch Frauen in den Kt. Waadt und Neuenburg. Weitere Modelle von neuen Trachten, in mehr oder weniger freier Interpretation hist. Materialien, entstanden ab den 1920er Jahren.
Anlässlich des Trachtenfestes an der Eidg. Landwirtschaftsausstellung (Eidgenössische Feste ) in Bern 1925, trat die Erneuerungsbewegung in einem festl. Umzug an die Öffentlichkeit. 1926 erhielt sie als Schweiz. Trachtenvereinigung (STV) einen eigenen, vom Heimatschutz unabhängigen Status. Ihr Ziel bestand primär darin, die zeitlose, schlichte und sozial harmonisierende (Frauen-)Tracht bei der ländlichen Bevölkerung einzuführen. Die Verbindung zum Schweiz. Bauernverband war durch die führende Gestalt der jungen Bewegung, Ernst Laur, gegeben. Mit Hilfe des Landfrauenverbands konnte die STV die Bäuerinnenschulen erreichen. Die Gründung des Schweiz. Heimatwerks kam der Trachtenbewegung zugute, da dieses den Verkauf einheimischer Textilien förderte. Ihre ganze Wirkung konnte die Bewegung im Rahmen der Schweiz. Landesausstellung von 1939 in Zürich entfalten. Die Mitgliederzahl stieg kontinuierlich; sie sank erst ab Ende der 1950er Jahre (im Jahr 2000 25'400 Mitglieder). Der Generationenwechsel erwies sich als schwierig. Ab den 1970er Jahren wirkte sich die Regionalisierungsbewegung belebend auf die Trachtenvereinigung aus. Das Bedürfnis nach lokalen und regionalen Differenzierungen nahm zu. Grosser Wert wurde auf die hist. Legitimierung der Tracht gelegt. Im Hinblick auf die Aktivitäten der Trachten-Gruppen wie Singen (Volkslied), Tanzen und Reisen und dem Anreiz zur Handarbeit (Volkskunst) wurde dem Trachtenleben eine nicht zu unterschätzende Bedeutung für die Freizeitgestaltung zuerkannt. Diese Aufwertung führte dazu, dass auch Männer vermehrt Trachten trugen.
Offizielle Anerkennung
Die Herstellung und das Tragen von Trachten unterliegen kantonal verschiedenen Regelungen. Als allg. Grundsatz gilt, die Tracht nicht auszuleihen, nur jene des Heimat- oder Wohnorts zu tragen und sie (bei repräsentativen Anlässen) nicht mit anderen Kleidungsstücken zu kombinieren. Die Zahl der nichtorganisierten Trägerinnen und Träger von Trachten ist regional unterschiedlich. Auch in der ästhetisch nahe liegenden, patriotisch begründbaren Verfügbarkeit der Trachten für Tourismus, Werbung und Medien tritt ihre offizielle Anerkennung zu Tage. Allerdings stösst diese aufgrund des geringen Professionalisierungsgrads der Trachtenbewegung auch an Grenzen.
Quelle: Historisches Lexikon der Schweiz
