Chorwesen

In keinem zweiten Land wird der Chorgesang so gepflegt wie in der Schweiz. Ein möglicher Grund dafür liegt wohl in der geschichtlichen Entwicklung unseres Landes. Da die Schweiz kein höfisches Leben und daher weder Hofkapellen noch Opern und Solisten kannte, erfasste hier der Chorgesang früher als andernorts alle Schichten des Volkes.

Als älteste Stätte des Chorgesangs ist auch in der Schweiz die Kirche zu nennen. Hochkarätige Musiker schrieben Werke für die Liturgie und unterrichteten die Söhne der Freien und Adligen in den Klosterschulen im Gesang und in der Musik. Das gemeine Volk hatte jedoch keinen Zugang zu diesen Schulen. Es sang im Gottesdienst zum Lobe Gottes den schlichten einstimmigen, später auch vierstimmigen Gemeindegesang.

Der Schweizer Sängervater

Hans Georg Nägeli

Der Schweizer Sängervater

Im 19. Jahrhundert hat der später als Schweizer Sängervater verehrte Hans Georg Nägeli (1773-1836) den Chorgesang des Volkes aus dem kirchlichen Gottesdienst gelöst. Begeistert von der Volksbildungslehre Heinrich Pestalozzis wollte er das Volk über den Chorgesang musikalisch bilden. Sein Ziel war nicht die hohe Kunst, sondern die musikalische und moralische Bildung des Volkes durch den Gesang. Entsprechend moralisierend sind denn auch die Texte gewesen, die er dafür vertonte. 1817 veröffentlichte Nägeli seine vierstimmigen Lieder in einer "Gesangsbildungslehre für Männerchor". Dieser Lehrgang machte schnell in der ganzen Schweiz Schule und zog zahlreiche Gründungen von Männerchören nach sich. So änderten sich mit dem Beginn des 19. Jahrhunderts die Züge des schweizerischen Musiklebens grundlegend: Die Musikpflege wuchs in die Breite.

Sängerfeste als patriotische Massenveranstaltungen

Zusätzlich befeuert wurde die erstarkende Chorbewegung durch den damals aufflammenden nationalistischen Geist. Das Bewusstsein um die Neuorientierung der Schweiz als Nation war durch den Sonderbundskrieg von 1847 und durch die neue Bundesverfassung von 1848 aufgeflammt. Im Zuge dieser nationalen Bewegung hatten sich 1842 auch die Männerchöre zum Eidgenössischen Sängerverein zusammengeschlossen. Die von diesem neuen gesamtschweizerischen Verein durchgeführten Eidgenössischen Sängerfeste für Männerchöre wurden nebst Wettgesang mit feurigen Reden zu eigentlichen patriotischen Massenveranstaltungen. Eigens für diese Chorfeste wurden sog. "Nationallieder" komponiert. Sogar Gottfried Keller schrieb eines mit dem Titel "Oh mein Vaterland“. Diese eidgenössischen Sängerfeste waren die prägenden musikalischen Grossanlässe des 19. Jahrhunderts.

Schweizerische Chorvereinigung SCV

Max Diethelm

erster Zentralpräsident SCV

Heute sind die Chöre in der Schweizerischen Chorgemeinschaft (SCV) als Dachorganisation der kantonalen und regionalen Gesangvereine und -verbände weltlicher Ausrichtung organisiert. Die SCV entstand 1977 durch Zusammenschluss des Eidgenössischen Sängervereins, des Verbands Schweizerischer Frauen- und Töchterchöre und des Schweizer Verbands Gemischter Chöre. Sie umfasst heute rund 2‘000 Chöre aller Gattungen mit etwa 60‘000 Sängerinnen und Sängern.